Unsere Sprachexpertin Tia Robinson im Interview: „Man merkt sich Dinge am besten, wenn man sie jemand anderem beibringt.“

Für viele internationale Pflegekräfte beginnt der Weg nach Deutschland mit einem großen Ziel und einer großen Herausforderung: Deutsch lernen bis zum B2-Niveau. Das ist nicht nur Voraussetzung für die Berufsanerkennung, sondern auch entscheidend für den Arbeitsalltag in Kliniken und Pflegeeinrichtungen.

Tia Robinson, Leiterin des Sprachprogrammes bei Care Forward, begleitet Pflegekräfte auf genau diesem Weg. Sie hat über 14 Jahre Erfahrung in der Leitung einer Sprachschule für Expats und war dort für die Ausbildung von rund 500 Lehrkräften verantwortlich. Im Interview spricht sie über die Unterschiede in den Lernkulturen, die einzigartigen Hürden im Pflegebereich und darüber, wie Arbeitgeber:innen den Prozess aktiv unterstützen können – ein entscheidender Faktor für die Patientensicherheit und die langfristige Mitarbeiterbindung.

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Internationale Pflegekräfte: Eine sehr spezifische Lerngruppe

Tia arbeitet seit rund einem Jahr bei Care Forward. Zuvor leitete sie eine Sprachschule für Expats in Berlin und arbeitete mit Fachkräften aus aller Welt – von Softwareentwickler:innen bis zu Kreativen. Heute begleitet sie internationale Pflegekräfte beim Spracherwerb und bereitet sie auf die anspruchsvollen Prüfungen vor, die für ihre Anerkennung notwendig sind. „Die Pflegekräfte haben oft ganz andere Lernvoraussetzungen als die Expats, mit denen ich früher gearbeitet habe“, erklärt Tia. „Viele Expats waren Akademiker:innen mit sehr viel Lernerfahrung. Unsere Pflegekräfte haben dagegen sehr unterschiedliche Bildungshintergründe und Lernbiografien.“

In klassischen Expat-Kursen war die Atmosphäre oft sehr lebendig: Die Teilnehmenden waren es gewohnt, Fragen zu stellen, zu diskutieren und selbstbewusst aufzutreten. Tia beschreibt diese frühere Klientel: „Sie sind super aktiv in der Klasse, sie reden die ganze Zeit auf Deutsch, sie stellen dem Lehrer jederzeit Fragen.“

Bei den von Care Forward betreuten Pflegekräften zeigt sich häufig ein anderes Bild: „Viele kommen aus Bildungssystemen, in denen von Lernenden erwartet wird, nur ruhig zu sein und Notizen zu machen. Die Lehrkraft wird als Person gesehen, die Wissen weitergibt. Fragen werden kaum gestellt. Das Resultat: Wir sehen, dass unsere Pflegekräfte dann große Blöcke von Sprache auswendig lernen, um Prüfungen zu bestehen, obwohl sie das Gelernte nicht aktiv anwenden können.“ Diese Unterschiede wirken sich massiv auf den Lernprozess aus. Tia betont: „Man kann die Sprache buchstäblich nur lernen, wenn man übt, sie aktiv zu nutzen und zu sprechen und auch Fehler zu machen.“

 

Fachsprache, Dialekte und der hohe Prüfungsdruck

Internationale Pflegekräfte stehen unter einem immensen Druck, der weit über den eines „normalen“ Lernenden hinausgeht. Der Erwerb der deutschen Sprache ist für sie keine Freizeitaktivität, sondern eine existenzielle Voraussetzung für ihre Berufszulassung und somit für ihre gesamte Existenz in Deutschland. Tia fasst diesen fundamentalen Unterschied zusammen: „Das Sprachniveau, das die Pflegekräfte erreichen müssen, ist völlig anders als bei jemandem, der Deutsch im Grunde aus Spaß lernt.“ Dieser Druck wird durch drei zentrale Herausforderungen verschärft:

1. Die Hürde der Fachsprache: B2 als absolutes Minimum

Während das B2-Zertifikat als formelle Voraussetzung gilt, ist es für den Pflegealltag nur das absolute Minimum. Die wirkliche Herausforderung liegt in der medizinischen Fachsprache und der Anwendung in unterschiedlichen Registern.

  • Der immense Vokabelbedarf: Pflegekräfte müssen eine riesige Bandbreite an medizinischem Deutsch beherrschen: von der Anatomie über Geräte bis hin zu komplexen Behandlungsmethoden.
  • Der Spagat in der Kommunikation: Sie müssen die Sprache in sehr unterschiedlichen Kontexten anwenden: sehr formelles Deutsch mit Ärzt:innen, informelles Deutsch mit Kolleg:innen und leicht verständliches Deutsch für Patient:innen und Angehörige.
2. Schreiben als Fähigkeit, die über Leben und Tod entscheiden kann

Während in anderen Sprachschulen das Schreiben eine untergeordnete Fähigkeit darstellst, ist dies für die Pflegekräfte ein besonders kritischer Bereich, der im beruflichen Alltag über Leben und Tod entscheiden kann. Daher stellt die schriftliche Kommunikation eine zentrale Säule in den Sprachkursen von Care Forward dar: „Unsere Pflegekräfte müssen tägliche Übergaben schreiben, die medizinische Informationen enthalten. Das ist buchstäblich eine Sache von Leben und Tod. […] Wenn man einen Fehler beim Namen eines Verfahrens macht, könnte das Leben von jemandem davon abhängen. Der Druck ist sehr hoch.“

3. Doppelbelastung und Verstehen im Alltag

Zur sprachlichen Hürde kommt die Doppelbelastung hinzu, dass viele Pflegekräfte während ihres Spracherwerbs und Integrationsprozesses bereits arbeiten oder sich in der Vorbereitung auf die Anerkennung befinden. Hinzu kommt die Herausforderung des mündlichen Verstehens: starke regionale Dialekte oder schnell gesprochene Sprache sind ein zusätzliches Hindernis beim Verstehen von Patient:innen und Angehörigen. All dies erhöht die Ermüdung und Erschöpfung: ein Faktor, der oft fälschlicherweise als mangelnde Motivation interpretiert wird.

 

Strukturwandel: Die Fachsprachprüfung als richtiger Weg

Was eine echte Chance für Pflegekräfte sein kann: Die Fachsprachenprüfung als neuer Sprachnachweis für Pflegekräfte. Da diese Prüfung sich näher an der Arbeitspraxis orientiert als allgemeine B2-Nachweise, bewertet Tia diese Test-Option als sehr positiv: „Was ich super cool an der Fachsprachprüfung finde, ist, dass sie tatsächlich testet, wie sie einen Pflegebericht schreiben oder einen Dialog mit dem Patienten führen würden. Das ist ein viel sinnvollerer Test ihrer Fähigkeiten. Früher mussten Pflegekräfte über Themen wie ‚Kinder und Smartphones‘ oder ‚globale Erwärmung‘ sprechen. In der Fachsprachenprüfung geht es um echte Arbeitssituationen.“

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3 Tipps für Ihre Einrichtung: Aktiv Sprache und Integration fördern

Sprache lernt man nicht nur im Klassenzimmer. Tia betont, wie entscheidend das soziale Umfeld und die aktive Unterstützung durch Arbeitgeber:innen und Kolleg:innen ist. Als Einrichtung können Sie den Integrationsprozess Ihrer Fachkräfte beschleunigen. Dafür hat unsere Sprachexpertin 3 hilfreiche Tipps zusammengefasst.

Tipp 1: Die Arbeitsumgebung als Sprachlabor nutzen

Der Unterrichtstag ist lang und anstrengend. Tia sieht großes Potenzial in digitalen und niedrigschwelligen Hilfsmitteln für die Zeit nach dem Kurs: „Viele wissen gar nicht, dass sie einfach mit ChatGPT sprechen können, und zwar mit der Mikrofonfunktion. Das Tool kann analysieren, was man gesagt hat, die Fehler korrigieren, Rollenspiele machen oder beim Schreiben helfen.“

Handlungsempfehlung: Informieren Sie Ihre Fachkräfte über die Nutzung von AI-Tools. Ermutigen Sie zum aktiven Üben, jeden Tag für zehn Minuten, um die durch die Erschöpfung bedingte geringe Energie zu nutzen.

Tipp 2: Kolleg:innen als wichtigste Sprachpartner aktivieren

Die Kolleg:innen sind die unmittelbarsten und effektivsten Lehrkräfte. Sie geben die Sprechpraxis, die so dringend benötigt wird. Außerdem fühlen sich viele internationale Pflegekräfte isoliert. Sie verbringen zwar Zeit mit anderen internationalen Kolleg:innen, aber es mangelt oft an Kontakt zu den deutschen Erstsprachlern.

Handlungsempfehlung: Als Arbeitgeber schaffen Sie gezielte Möglichkeiten, um die deutschsprachigen Pflegekräfte in Kontakt mit ihren internationalen Kolleg:innen zu bringen. Ein gemeinsames Mittagessen, ein Team-Event oder ein ungezwungenes Kennenlernen fördern die kulturelle Integration.

Tipp 3: „Study Buddys“ und die „Hand-Hirn-Verbindung“ fördern

Neben dem Sprechen ist die Verinnerlichung des Vokabulars entscheidend. Hier setzt Tia auf bewährte und einfache Methoden: „Man merkt sich Dinge am besten, wenn man sie jemand anderem beibringt.“

Handlungsempfehlung:

  • Lern-Tandems initiieren: Ermutigen Sie die Pflegekräfte, mit einem Study Buddy zu üben. Da viele mit anderen Pflegekräften zusammenwohnen: „Sie sollten sich unbedingt an nur Deutsch halten und versuchen, mit ihren Mitbewohnern zu üben.“
  • Aktives Lernen: Empfehlen Sie, ein Wörterbuch für sich selbst anzulegen und Diagramme der Körpersysteme zu beschriften, da eine „echte Gehirn-Hand-Verbindung“ entsteht, wenn man Dinge aufschreibt oder zeichnet.

 

Fazit: Qualität in der Pflege durch exzellente Sprachkompetenz

Die sprachliche Vorbereitung internationaler Pflegekräfte ist eine Mammutaufgabe. Die Expertise von Care Forward liegt in der gezielten Gestaltung von Sprachprogrammen, die sich an der anspruchsvollen Realität der Fachsprachprüfung und des klinischen Alltags orientieren und so die Patientensicherheit in Ihrer Einrichtung garantieren.

Der Schlüssel zur nachhaltigen Integration liegt in der Partnerschaft: Wir liefern die exzellent vorbereiteten Fachkräfte, Ihre Einrichtung schafft das Umfeld, in dem diese ihre Sprachkompetenz täglich anwenden und perfektionieren können.

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